Wiedergeburt als Landratten

Zurück in Kojen mit Fundament, Regalen außer Reichweite und Strom ohne TallyCard.

Ribnitz-Damgarten. „Wir müssen ablegen.“ „Wohin wollten wir heute fahren?“ So gern wir uns diese Fragen stellen würden und es auch getan haben, so nichtig sind sie. Denn ein neuer Hafen, ein Seestück mit unbekannter Landschaft und Sachen-vom-Tisch-räumen-bevor-es-losgeht, ist nicht mehr Bestandteil des Tagesprogrammes von LUCCA samt Besatzung. Es ist schon ein wenig merkwürdig, erneut auf zwei Meter mal zwei Meter zu schlafen und genau zu wissen, dass die Koje jeden Morgen am selben Platz steht. Für den Skipper muss dies sicherlich noch verwirrender sein. Die Landvorzüge selbst, vor allem das Vorhandensein eigener umfangreicher und dichtgelegener Sanitäreinrichtungen, bereiten uns keine Umstellungsschwierigkeiten. Mit Ausnahme der hohen Decken und hohen Schränke: Die vergangenen sechs Wochen konnte Paula jeden Gegenstand im Schiff problemlos erreichen. Nun muss wieder ein Stuhl für die obersten Schrankfächer her…ein Stuhl…den hatten wir drei Monate nicht an Bord. Die einzigen vier Beine waren die, der Besatzungsmitglieder.

Erstaunlicherweise verursachte auch das Autofahren keinen befürchteten Geschwindigkeitsrausch, was ja mitunter schon nach zwei Wochen Segel-Sommerurlaub in den ersten Minuten der Fall sein kann. Erfreulich ist zudem, nun wieder alle Produkte im Supermarkt identifizieren zu können. =) Vor allem der Skipper hatte im Baltikum damit so seine Probleme und so haben wir auf LUCCA noch immer eine Packung Kartoffelstärke zu verschenken, die einst mit der Vorfreude auf süße Rote Grütze (denn dies suggeriert die Verpackung) gekauft wurde. =)

Groß war die Freude auch bei Schiff und Besatzung, als wir am Mittwochnachmittag am Vereinssteg in der Heimat festmachten. Schick aufgeflaggt wurde LUCCA von Haiopei mit Skipper Jens und Matrose Thore schon auf See in Empfang genommen, was wir Schiff und Crew sehr hoch anrechnen und wofür wir uns an dieser Stelle noch einmal recht herzlich bedanken wollen! Ein Dank geht natürlich auch an all die vielen Freunde und Familienmitglieder, die sich an diesem Mittwoch auf zum Steg gemacht haben. So feuchtfröhlich der Abschied vor drei Monaten war, genauso feuchtfröhlich wurden wir wieder willkommen geheißen. Bis spät in die Nacht musste LUCCA als Partyschiff herhalten, die Verwüstung am nächsten Tag sprengte alle Morgen des gesamten Ostseetörns. =) Doch das war es allemal wert und in wenigen Stunden wurden wir dem Chaos Herr.

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Das Backskisten-Seefahrer-Buffet ist angerichtet =)

Die abendliche Feiergesellschaft ließ sich auch nicht von dem wirklich eigenwürdigen Geruch des ‚Surströmmings‘ zerschlagen. Diese schwedische Fischspezialität, dabei handelt es sich um vergorenen sauren Hering, ist wohl selbst bei den Schweden nur etwas für Hartgesottene und darf vielerorts nur im Freien geöffnet werden. Dieser Empfehlung sollte man unbedingt folgen, denn die Delikatesse riecht stark (um es diplomatisch auszudrücken). Der Skipper, Birk und Fischer Norbert haben sich getraut, Paula kam kurz in die Nähe und Jens packte sich schlussendlich ein Herz und entsorgte die stinkende Dose im See. Selbst alleine mit dem Finger den öligen Rand der Dose zu berühren, hatte stundenlanges Stinken zur Folge. Aber so konnten wir in der Heimat gemeinsam mit allen ein kleines Stück Ostseetörn teilen und erfahren.

Die Frage nach dem schönsten Seestück, dem attraktivsten Reiseabschnitt und der tollsten Landschaft lässt sich, zumindest für mein Befinden, schwer beantworten. Viele der Länder und Reviere haben ihre schönen und weniger schönen Seiten und je nach Budget und seglerischem Anspruch ist die ganze Ostsee fantastisch. =) Die schwedischen Gewässer, die Seen, Kanäle und Scheren, und für den Skipper die Welt der Ålands würden auf der Favoritenliste aber sicherlich weit oben erscheinen. Fakt ist: In jedem der bereisten Länder könnte man viele, viele Wochen zubringen und würde des Revieres nicht müde werden. Doch wir müssen wohl selbst einmal erst reflektieren und in aller Ruhe die vielen Eindrücke und Erfahrungen verarbeiten und beim Betrachten der Blogeinträge, der Postkarten, der Seekarten und des Bordbuches Stück für Stück die Wochen Revue passieren lassen. Aber der Winter ist lang und Olympische Spiele sind zum Glück erst im kommenden Jahr. =)

Eins zwei Erweiterungen werden wir noch am Blog vornehmen, bevor unser Alltag aus der Online-Welt wieder verschwindet. Bis dahin wünschen wir…

…Handbreit.

Paula

Die erste Runde des Empfangskomitees: Vielen Dank an alle, die am Mittwoch vorbeigeschaut haben.

Wieder daheim: LUCCA noch geschmückt in bekanntem Terrain.

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Rolling Home

Die letzten 130 Meilen reißen wir auf einer Arschbacke ab

Kopenhagen bis Zingst / 17.09.-19.09.2017: Nun sind wir nach sage und schreibe zehn Tagen doch tatsächlich aus Kopenhagen los gekommen. Nachdem wir uns von Michi und Max von der Albin Vega „NOVIA“ verabschiedet hatten, ging es um neun Uhr durch die Brücke raus aus dem Kanal. Marco schlug dann den altbekannten Weg hinaus aus dem großen Seekanal ein. Es bog zwar kurz vorher ein Fahrwasser rechts ab, aber dies war ihm völlig unbekannt und wurde entsprechend ignoriert. Als LUCCA dann aber ein großes Schild mit einem durchgestrichenen Segelboot und einem ebensolchen Motorboot passierte, war klar: Hier hat sich was geändert. Wir haben das mal eben ignoriert, wissen nun aber beim nächsten Mal Bescheid. 

Die knapp 50 sm nach Klintholm waren unspektakulär. Der Wind wehte mit 1-2 Bft. gegenan und deshalb wurden noch einige Liter Diesel durch den Motor gejagt. Da auch noch ein ordentlicher Strom gegenan stand, verlängerte sich die geloggte Strecke glatt auf 60 sm. Dafür durften wir beim Italiener in Klintholm einen kulturellen Höhepunkt der Reise erleben: Immer, wenn der Pizza-Koch keine Bestellung abzuarbeiten hatte, sprang er an das Keyboard und unterhielt die Gäste mit Klassikern und Wunschmusik. Man musste echt überlegen, ob man ihn unterbrechen will oder lieber auf das Abendessen verzichtet. 

Am Montag haben wir dann nach ziemlich genau drei Monaten mit Barhöft wieder einen deutschen Hafen erreicht. Leider war auch auf dieser 40 sm langen Etappe der Wind etwas schwach. Obwohl wir sogar den Genacker nochmal rausgekramt haben, musste die meiste Zeit wieder der Motor unser Fortkommen sichern. 


Von Barhöft bis Zingst wehte zwar genug Wind, dieser kam nun aber genau von vorn. Dies hat uns veranlasst, die Segel gar nicht erst auszupacken. Wir wollen ja nicht den allabendlichen Plausch in Günter’s Schuppen verpassen. 
Morgen, also am Mittwoch, werden wir dann am Vormittag die letzte Brücke der Reise passieren, die Meiningenbrücke. Wir planen, gegen 16 Uhr in Ribnitz zu sein und sind uns ziemlich sicher, auch diese Nacht noch an Bord zu verbringen. 

Mit einem letzten Handbreit vor der Heimkehr verabschieden sich Marco und Paula

Über Touristen und die “Lille Havfrue 2.0“

oder wie man neun Hafentage in Kopenhagen rumkriegt.

Kopenhagen / 07.-16.09.2017: Paula hatte ja schon im letzten Beitrag angekündigt, dass unser Aufenthalt in Dänemarks Hauptstadt etwas länger als geplant dauern könnte. Und genauso ist es nun gekommen. Seit Donnerstag letzter Woche liegen wir nun in der Wilders-Plads-Marina in Christianshavn. Wir hatten einfach keine Lust und ja auch keine Not, uns gegen den Südwind voran zu kämpfen. Und es gibt ja nun wirklich schlechtere Plätze für ein paar Tage richtigen Urlaub. Kopenhagen ist eine sehr lebendige und trotzdem entspannte Stadt mit besonderem Charme. Große Teile des Stadtzentrums sind von Kanälen durchzogen, deren Ufer mit allen Arten von Wasserfahrzeugen gesäumt sind. Normale Segel- und Motoryachten, Traditionsboote genannte Oldtimer und Hausboote liegen neben kleinen schwimmenden Kneipenflößen, Ruderbooten und auch einigen ziemlich abgewrackten Kähnen. Und dazwischen liegt LUCCA. Von den stürmischen Winden dieser Woche war hier am Liegeplatz inmitten der Innenstadt fast nichts zu spüren.

Die Tage haben wir – natürlich nach gründlichem Ausschlafen – mit etwas Sightseeing verbracht, z.B. bei einer richtigen Touristen-Kanalfahrt auf einem der Hopp-On-Hopp-Off-Boote. Marco hat auch mehrere Anläufe genommen, den wegen der außenliegenden Wendeltreppe sehr markanten Turm der Erlöserkirche zu besteigen. Aber mal hat ihm das Wetter einen Strich durch die Rechnung gemacht, mal war die Besucherschlange einfach zu lang. Wenn heute nicht noch ein Wunder geschieht, wird es wohl bei den Versuchen bleiben. Dafür waren wir im Botanischen Garten, im großen königlichen Stadtpark und einen Besuch in den Markthallen haben wir uns auch nicht nehmen lassen. Dort kommt beim Anblick des riesigen Angebots an Meeresgetier vor allem Paula ins Schwärmen und in Kochlaune. Während Marco diesen Beitrag tippt, ist Paula schon wieder auf dem Weg dorthin, um frischen Oktopus oder ein ähnliches Tintenfischdingens zu kaufen, welches heute vermutlich von Paula wieder richtig dolle verprügelt wird. Sie sagt, das sei notwendig, um die Eiweißketten zu brechen. Andernfalls würde das Tier furchtbar zäh werden. Ich glaube aber, dass sie damit irgendeine geheime Aggression abbauen will ;-). Wie dem auch sei, jedenfalls kommt das Krakenteil danach im Stück für ca. 30 Minuten in kochendes Wasser, um abschließend mit reichlich Öl und Knoblauch noch etwas in der Pfanne zu braten. Das Ergebnis ist auf jeden Fall lecker und in Ribnitz kommt man ja eher schwer an solch exotische Meeresbewohner.

Marco hat derweil beim Anblick der …zig Kanalboote mit hunderten, wenn nicht noch mehr Touristen, die jeden Tag von morgens bis abends an LUCCA`s Heck vorbei fahren, eine neue Geschäftsidee entwickelt. Die Hauptaufgabe kommt dabei allerdings wieder Paula zu, denn Marco glaubt, dass Kopenhagen sehr gut eine zweite “Kleine Meerjungfrau“ vertragen könnte. Das Original ist ja schon ziemlich alt und auch etwas abseits gelegen. Und Paula hat todsicher das Potential, als “Ny lille Havfrue“ eine Touristenattraktion der Spitzenklasse zu werden. LUCCA`s Plicht wäre – etwas aufgemotzt – die ideale Plattform. Selbst Marco hat ja gestern schon ziemlich großen Beifall von einem der Touri-Kutter bekommen, als er sich mit freiem Oberkörper vom Duschen kommend nur kurz an Bord zeigte. Wenn Paula sich nun also wenigsten ein paar Stunden täglich barbusig in typischer Meerjungfrauenposition präsentieren würde, müssten wir uns nur noch Gedanken darüber machen, wie wir die vielen, vielen Münzen, die uns von den vorbeifahrenden Booten herüber geworfen werden würden, am besten auffangen könnten. Marco schwebt da ein feinmaschiges großes Netz am Heck vor. Das wäre kaum zu verfehlen und müsste nur hin und wieder geleert werden. Und wenn sich dieses neue Highlight der Kanaltouren erst ein wenig unter den Schiffskapitänen herumgesprochen hat, werden diese ihre Passagiere bestimmt entsprechend vorbereiten, damit das Kleingeld auch zum richtigen Zeitpunkt parat ist. Naja, wir feilen da noch etwas dran und Marco muss mit Paula auch noch die Arbeitszeit, die Urlaubstage und natürlich auch die Krankenversicherung verhandeln. Aber das wird schon und vielleicht lohnt sich dann im kommenden Jahr mal wieder ein Kopenhagen-Besuch doppelt.

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In unserem heimatlichen Segelclub findet an diesem Wochenende die traditionelle Herbstregatta statt. Hierfür wünschen wir allen Teilnehmern viel Erfolg. Gern wären wir zur abendlichen Grillparty wieder zu Hause aufgeschlagen. Aber der Wind hatte einen anderen Plan mit uns. Nach heutigem Wetterbericht werden wir nun wohl am Mittwochnachmittag am heimatlichen Steg ankommen. Und, passend zu unserer sehr schönen Verabschiedung vor drei Monaten, würden wir uns natürlich sehr freuen, wenn jemand Zeit hätte, LUCCA`s Festmacher anzunehmen oder der Eine oder Andere mit uns zusammen am Abend bei einem kleinen Willkommensdrink den Meeresgöttern für eine superschöne und unvergessliche Reise und eine hoffentlich glückliche Heimkehr zu danken.

Wir versuchen, kurz vorher nochmals von uns hören bzw. lesen zu lassen und verbleiben ansonsten – wie immer – mit Handbreit.

Paula & Marco

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Abwettern, Aussitzen und Ausschlafen

Irrelevanz der Zeiten und die geballte Ungnade von Neptun und Rasmus.

Torekov/Helsingør/Kopenhagen. Wir hätten es besser wissen müssen und statt uns über die noch gut sortierten Getränkevorräte an Bord zu freuen, hätten wir den Meeresgöttern mit einem gelegentlichen Schluck unseren Tribut zollen sollen. Doch das haben wir irgendwie versäumt und bekommen nun unsere Quittung: sozusagen Zeitverschiebung in gleich mehreren Dimensionen. Und so wechseln momentan die Jahreszeiten, es verlängern sich die Liegezeiten und auch das Technikzeitalter ist nicht mehr dasselbe. Mit zunehmender und vor allem an einigen Tagen sehr hoher Luftfeuchtigkeit steigt auch der Verlust unserer Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik. Nach einer teilweisen Selbstheilung von Marco’s unter Wasser gesetztem Smartphone vor einem Monat, hat sich spontan der allseits-bereite MP3-Player als erstes verabschiedet. Zum Glück ist ja ein Großteil der Musik auf dem kleinen Laptop. Dieser ist zudem essentiell für unsere weitere Berichterstattung für den Blog. Für das Notwendigste, also den Wind, reicht zum Glück noch immer das Handy von Marco. Das klassische Handy von Paula ist in diesem Fall keine große technische Bereicherung. Doch auch der Laptop gerät nun an seine Grenzen und gibt nur bedingt und teilweise willkürlich Lebenszeichen. So stelle sich jeder bitte vor, dass automatisch vor jedem Leerzeichen ein kleines ‚ c‘ erscheint. Dieses bedarf dann enormer Löscharbeit und ist nur einer von vielen Fehlern, mit denen uns die Tastatur so überrascht. Entsprechend verzeiht an dieser Stelle Tippfehler und vor allem das Verzögern des Blogs.

Doch zurück zum Wesentlichen: unsere Reise. Hier einige Impressionen von unserem letzten schwedischen Hafen Torekov und unserem ersten dänischen Hafen Helinsgør.

 

Die Überfahrt von der adretten und beschaulichen Ortschaft Torekov in die gut 45.000 Einwohner zählende Stadt Helsingør hielt neben Flaute eine ganz besondere Seefahrtserfahrung für LUCCA und die Besatzung bereit: Schweinswale. =) Gut fünf Seemeilen nach der Ausfahrt von Torekov bis kurz vor die Einfahrt in den Öresund zeigten sich immer wieder die dunklen Rückenflossen der Tiere. Teilweise mussten bis zu vier Tiere gemeinsam unterwegs gewesen sein. Auch Robben schauten gelegentlich aus dem Wasser. Das war wirklich ein fantastischer Anblick. Die angedachte Moralpredigt an vor allem all unsere rauchenden Gleichgesinnten fällt kurz aus: Keep the Ocean clean! Haltet unsere Meere und Wassersportreviere sauber und schmeißt Zigaretten in die leere Bierdose vom Vorabend bitte.

Schweinswale in Sicht auf der Reise in den Öresund.

Nach zwei Nächten in Helsingør quälte sich LUCCA samt Besatzung die kurze 20 sm Strecke in Richtung Süden mit direktem Kurs auf Dänemarks Hauptstadt. Kopenhagen erreichten wir am frühen Abend, mit reichlich nassem Ölzeug und großem Appetit auf warme Nudeln. So liegen wir seit Donnerstagabend inmitten des Zentrums, unweit von der Freistadt  Christiania und der kilometerlangen Gastronomiemeile entlang des Nyhavn Stadtviertels. An Fotos war bisher nicht zu denken, das wäre dem Stadtbild nicht gerecht geworden, denn seit Tagen hat es im Dauerzustand geregnet. Der gestrige Sonntag bildete die zauberhafte Ausnahme, doch die Motivation zum Fotografieren fehlte. Dafür landeten endlich einmal wieder Postkarten in einem der roten Kästen. Zu erwähnen ist, dass Dänemark von allen Ländern unseres Ostseetörns das mit Abstand teuerste Porto zu bieten hat.

Ein Gutes haben der Wind und der lange Aufenthalt in Kopenhagen, denn er hat Freunde und Bekannte in die Stadt geweht. So haben es Michi und Max mit Ihrer Novia nach sportlichen Tagen sicher in die Marina geschafft und Kerstin und Jörg wurden mit Bus und Fähre von Rostock zu LUCCA gebracht. Zwar wurden Stadtbummel und Sightseeing mangels gutem Wetters auf ein Minimum beschränkt, doch LUCCA zeigte sich dafür von ihrer geselligsten Seite. Plausch und Schmaus füllten die Tage, an Auswahl mangelte es an beidem nicht.

Nun stellt sich eine Mischung aus Urlaubsfeeling und Alltag ein und Sachen wie Waschsalon-finden und Milch und Saft kaufen stehen mehr oder weniger einsam auf der To-Do-Liste. Der aktuellen Wettervorhersage nach könnten wir durchaus bis zum kommenden Wochenende hier liegen, wenn wir nicht bald einen Schluck für Rasmus und Neptun in den Kanal geben.

In diesem Sinne wünschen wir

Handbreit.

Paula

Was geht bei Egon Olsen? 

LUCCA in Dänemark

Fünf Wochen waren wir nun in Schweden. Fast 200 Seemeilen sind wir von Ost nach West quer durch. Und haben die Schären auf beiden Seiten kennen gelernt. Aber vor zwei Tagen haben wir nun mit Helsingör den ersten dänischen Hafen angelaufen. Von Bornholm gleich zu Beginn der Reise mal abgesehen. 

Eine nette Stadt, altes Straßenbild, aber auch modernes Shopping und hübsche Restaurants. Im großen Nordhafen liegt man ruhig, etwas unpersönlich zwar zwischen den anderen weit über tausend Schiffen, aber zentrumsnah und in Sichtweite der Kronborg. Und nur wenige Gehminuten von unserem Liegeplatz entfernt gab es noch eine Streetfood-Meile mit Getränken aller Art und Live-Musik in einer alten Werfthalle. Und da das Wetter auch nicht soooo prickelnd war, haben wir es in Helsingör doch glatt zwei Tage ausgehalten. Marco konnte sich noch gut an seinen allerersten Chartertörn 1992 erinnern. Da war er mit einer Bavaria 33 SL schon mal hier. Zusammen mit Clausi, Schmausi, Hasi, Galle und Decker haben wir einen sehr lustigen Abend auf dem Marktplatz erlebt. Und Brummer war glaub ich auch noch dabei. 

Dann haben wir uns aber trotz des Regens am nächsten Tag auf in die Hauptstadt gemacht. Klitzekleine Navigationsprobleme gab es, weil LUCCA’s Plottersoftware schon zehn Jahre alt ist und wegen des dichten Niesels die Sicht doch ziemlich eingeschränkt war. Aber die nach all den langen Seemeilen nun doch halbwegs erfahrene Crew erkannte gerade noch rechtzeitig, dass Ernie, der Autopilot, schnurstracks auf die große Kaimauer des neuen Fährterminals zu hielt. Schnell 90 Grad backbord und nach einer halben Meile das ganze wieder zurück, und schon waren wir im großen Seekanal. Vorbei ging es an der berühmten ‚Kleinen Meerjungfrau‘ , die wirklich ganz, ganz klein ist, am Königspalast und an der Oper in Richtung der Kopenhagener Innenstadt. Durch frühere Besuche kannte sich Marco hier hafentechnisch ganz gut aus und wusste, das Christianshavn eine gute Gegend ist, um einige Tage in entspannter Atmosphäre zu verbringen. Überraschend war nur die neue Fahrrad- und Fußgängerbrücke, welche die Einfahrt in den Kanal versperrte. Bei einem kurzen Schnack mit einem dänischen Skipper erfuhren wir jedoch schnell, dass das Teil nach festem Fahrplan regelmäßig öffnet und nach zehn Minuten Wartezeit klappte sie auch schon für uns auf. 

Nun liegen wir seit knappen zwei Tagen in der Wilders Plads Marina und grüßen regelmäßig die achteraus vorbei fahrenden Touristen-Boote ab. Kerstin und Jörg sind übers Wochenende zu Besuch und wir genießen die attraktive nähere Umgebung. Die Windvorhersage für die nächsten Tage verspricht nichts Gutes und es könnte sein, dass wir hier so kurz vor der Heimat noch etwas hacken bleiben. Aber es könnte wahrlich schlimmer sein und wir werden berichten, ob wir die Olsenbande noch getroffen haben oder nicht. 

Bis dahin wünscht Marco: Handbreit! 

PS: Fotos folgen, wir haben gerade ein paar Technikprobleme.

Grillabend, Großstadttrubel und Geselligkeiten

Von Göteborg im Eiltempo übers Kattegatt.

Göteborg/Varberg/Torekov. 2,5 Tage Göteborg liegen nun hinter LUCCA samt Besatzung und diese lassen nur ein Fazit zu: Schön war’s. In Gesellschaft der beiden deutschen Segelboote Novia und KEA ließen wir es uns das Wochenende so richtig gut gehen. Zwar mussten wir den Hafenmeister dreimal aufsuchen, da bei jedem Mal das Kartenlesegerät nicht funktionierte und wir schon ein wenig auf einen kostenfreien Aufenthalt hofften, doch schlussendlich konnten die Liegegebühren abgebucht werden. Doch ein kleiner Rabatt, zahlreiche 24-Stunden-Wlan-Zugangskärtchen und ausreichend Warmwasser in den Duschen (zumindest für alle Segler außer Michi von der Novia =) ) machten den Aufenthalt in der Lilla Bommen Marina zu einem rundum gelungenen und durchaus bezahlbaren. Für drei Nächte zahlten wir so ungefähr 85 Euro Liegegebühren, also weniger als 30 Euro pro Nacht, was ja in Stockholm und Tallin schon fast ein echtes Schnäppchen gewesen wäre.

 

Schnäppchen-Jäger und Shopping-Begeisterte sind in Göteborg im siebten Himmel, in der gesamten Innenstadt kann man sich vor Modeläden, Schuhgeschäften, Juwelieren und Heimbedarf kaum retten und überall prangt in großen Buchstaben REA (Schlussverkauf). Auch Liebhaber von gutem Essen kommen auf ihre Kosten, vor allem in der Markthalle. Diese versorgte uns auch mit Elch-Gehacktem für den Grillabend, zu dem LUCCA die beiden anderen Bootsbesatzungen eingeladen hat. So gab es Elchburger für Allemann, dazu natürlich Bier, Salat, Süßkartoffeln und jede Menge gute Stimmung. An dieser Stelle also ein Dankeschön an Stephan, Michi und Max für den netten Abend. =)

 

Einen äußerst amüsanten Abend hatten Skipper Marco und Matrosin Paula auch am Samstag. Nach einem sittlichen Besuch in einer der vielen Innenstadtkneipen und fleißigem Postkartenschreiben verholten wir uns noch spontan in die ‚Öl Hallen‘ – die urige Kneipe direkt gegenüber, von der schon seit Stunden schallendes Gelächter zu uns herüberdrang. Gut 100 Jahre hat diese Kneipe schon auf dem Buckel und wird ihrem Namen mehr als gerecht: Essen gibt es nicht, aber einen Tresen mit gefühlt 20 verschiedenen Zapfhähnen. Wir entschieden uns zur Abwechslung mal nicht für ein schwedisches Hopfengetränk, sondern wählten den belgischen Klassiker Stella Artois (als kleine Hommage an Chris und Ann vom ‚Wellentänzer‘ =) ). Dies ging nicht nur sprichwörtlich runter wie Öl. Und so kamen wir bei drei halben Litern mit Janne ins Gespräch, der aus Trollhättan stammt, in Göteborg wohnt, viele Kinder und Enkel hat und zum Arbeiten immer nach Kopenhagen fährt. Kontaktdaten wurden erst einmal ausgetauscht, vielleicht trifft man sich in Dänemarks Hauptstadt ja auf einen Drink.

 

Wen wir auf jeden Fall in Kopenhagen treffen werden, sind Kerstin und Jörg aus Rostock. Anscheinend hat es Jörg die Woche von Klaipėda nach Riga so gut auf LUCCA gefallen, dass er spontan mit seiner Frau Kerstin einen Kurzaufenthalt an Bord ‚gebucht‘ hat. So nehmen wir nun stramm Kurs auf Kopenhagen und nähern uns mit relativ großen Sprüngen bei (noch) idealen Segelbedingungen Dänemark. Auch wenn das Kattegatt so seine eigenen Regeln zu verfolgen scheint und die gestrige Schmetterlingsbesegelung zu einem lauten Hin- und Her-Geknalle machte. Auch Autopilot Ernie war dies zu doof und er änderte mal sportlich und vor allem so völlig selbstständig zweimal den Kurs um 90°. Doch uns als wachsame Besatzung entgeht sowas natürlich nicht. In Varberg machten wir am späten Abend fest, der Skipper ignorierte kurzerhand die Empfehlung seiner Navigatorin und wir machten statt im Stadthafen in der gegenüberliegenden 2 sm entfernten Sportbootmarina fest. Toller Hafen, voller Boote, nur so richtig ruhig und einsam. Statt einer kleinen Sonntagabendbelohnung nach 47 sm Strecke folgte ein kurzer Spaziergang durchs nirgendwo und ein frustriertes in-die-Koje-gehen. Jaja, was hätten wir auf der gegenüberliegenden Uferseite so alles erleben können…Restaurants und Kneipen, die bis 22 Uhr offen waren, Pizza oder Indisch, Krabbenbrötchen oder einfach nur Bootegucken. Ok Ok, Boote gab es in ‚unserer‘ Gastmarina mehr als genug.

Wie dem auch sei, war uns das Glück in der kleinen unwahrscheinlich hübschen Ortschaft Torekov am Folgetag sehr hold. Zwar hatten alle Gastronomien direkt am Hafen (und davon gibt es in Sichtweite ein gutes halbes Dutzend) schon geschlossen, doch der Pizza-Laden am Stadtkernrand hatte noch offen und konnte uns eine warme, bezahlbare und nach langem einmal nicht selbstzubereitete Mahlzeit bieten. Überraschenderweise schnellte sofort nach dem Anlegen der Hafenmeister wie aus dem Nichts um die Ecke des kleinen Hafenmeister-Gebäudes, begrüßte uns auf Deutsch und erklärte uns in selbiger Sprache sofort, dass der Zugangscode für die Sanitäreinrichtungen ein ganz anderer wäre, als der, den wir noch nicht hatten. Ok, viele Infos in kurzer Zeit, dabei wollten wir nur schnell noch was Essen gehen. Aber alles entspannt, der Pizzaladen hatte bis 21 Uhr offen, nachdem wir im Marschschritt kurz vor 20 Uhr und nach 46 sm und 8,5 h auf dem welligen Kattegat dort hin gehetzt sind, weil…man weiß ja nie. =) Auf dem Rückweg dann haben wir noch die Öffnungszeiten für den hiesigen Bäcker in Erfahrung gebracht, denn so langsam müssen die baren Kronen ausgegeben werden. Schließlich heißt das nächste Ziel Helsingør/Dänemark, in dem wir mit schwedischen Kronen wohl nicht mehr weit kommen werden.

Wir melden uns als bald und verbleiben mit…

…Handbreit.

 

Macht hoch die Tür, die Tor‘ macht weit

Es kommt das Schiff der Freundlichkeit.

Trollhättekanal/Göteborg. Schleuse, Brücke, Brücke, Schleuse, Schleuse, Schleuse, Brücke, Brücke, Brücke und irgendwann befindet sich LUCCA samt Besatzung wieder auf Meeresspiegelniveau. Am frühen Nachmittag war es soweit, die letzte Schleuse des Trollhättekanals wurde passiert und nun sind wir sozusagen wieder auf gewohntem Terrain, also auf 0,00 m ü.M. oder Normalnull.

Null scheint auch die gefühlte Temperatur, gut, so schlimm auch nicht, aber bei 13°C und Regen ist heute wahrlich Herbstwetter hier in Ostschweden. Der Fluss Göta Älv, der den natürlichen Verlauf des Trollhätte- und des Götakanals bildet, schiebt dafür schön mit ein bis zwei Knoten von hinten und wir erreichen stolze 7 knt Fahrt über Grund. Das erleichtert die verbleibenden 25 sm unter Motor bis wir am frühen Abend Göteborg erreichen. Doch zuvor gilt es noch zwei Mal, voraussichtlich, wenn nicht irgendwo eine neue Brücke innerhalb der letzten Jahre errichtet wurde, den Brückenwärter anzufunken und sich letzte Öffnungen zu erbeten. Das hat bisher ziemlich gut geklappt, sowohl das Funken als auch das Öffnen der Klapp- und Dreh- und Hubbrücken. Mit 10 knt eilt der Passagierdampfer Diana einige Meilen vor uns durch die mittlerweile sehr ländlich anmutende Gegend, bis wir das kleine Kreuzfahrtschiff vielleicht an der nächsten Brücke wiedertreffen werden. Ab dann passen sowohl Diana als auch LUCCA’s Mast problemlos durch die verbleibenden Land-Land-Verbindungen und als bald wird sich die Stadtkulisse von Göteborg am Horizont abzeichnen.

Fünf der sechs Schleusen des Trollhättekanals haben wir sehr gut gemeistert, nur bei der ersten Schleuse kurz hinter Vänersborg hat sich die Schiffsbesatzung angestellt, als wären wir die Stars von ‚Versteckte Kamera‘. Kaum auszumalen, wie oft der kleine Film der Schleusen-Kamera durch die Kanalbüros seine Runde machen wird und wie laut das Gelächter der Schleusenwärter samt Kanalverwaltungspersonal sein mag. Das gefüllte Basin schien einem Whirlpool gleich und es war uns einfach unmöglich, die Schleusenmauer längsseits backbord zu erreichen. So haben wir ganz unkonventionell erst die halbe Schleusenzeit hin und her motort, der ferngesteuerte Schleusenwärter wollte wohl nicht warten, bis wir das Schiff in der Schleuse auf Position bringen konnten. Nach gefühlten zehn Mal vor und zurück erwischte dann die LUCCA-Besatzung mit dem Bug die Schleusenwand, hielt sich fest und trieb mutterseelenalleine quer in der Schleuse. Diese sind ja aber zum Glück breit genug und so schafften wir trotz allem den 5 m Abstieg ohne Blessuren. Nur mit hochrotem Kopf und wiederholtem Schütteln dessen. =)

Aber mit Schmach können wir um, wie wir beim Angeln ja schon merken durften. Wie dem auch sei, die Lilla Bommen Marina im Zentrum Göteborgs wird für das Wochenende unser Domizil sein. Zuvor jedoch müssen wir LUCCA noch für die zweitbevölkerungsreichste Stadt Schwedens feinfarig herausputzen und schrubben hier zwischen zwei Brücken nach und nach das Deck. Auch wenn der strahlende Glanz meist nur von bedingter Dauer ist und sich als bald wieder Schuhabdrücke auf dem weißen Decksbelag abzeichnen. Die viele Arbeit machte vor allem die vorletzte Brücke zu Nichte, denn statt kurzer Wartezeit auf eine Privat-Öffnung müssen wir 1,5 Stunden abwettern, bis 18 Uhr die Brücke planmäßig öffnet. Der ‚Anlegesteg‘ sind zwei Stahlträger im halben Meter Abstand übereinander, gefolgt von einem breiten Steg mit dickem grünem Belag auf den Holzbohlen. Da Paula nun mal nicht 2 m aus dem Stand in die Höhe springen kann, musste kurzerhand ein bäuchlings-Heraufkrabbeln herhalten um die Festmacher von LUCCA um die Poller zu schwingen. Dass sich unsere Ankunft in Göteborg nun eben um mindestens diese Zeitspanne nach hinten verschiebt, ist offensichtlich. Mal schauen, was die Eisenbahnbrücke gut 1 sm vor unserem Zielhafen noch für Überraschungen bereithält.

Wünschenswert wäre die Hafeneinfahrt in Lilla Bommen noch mit dem letzten Tageslicht. Und glücklicherweise wurden unsere Wünsche erhört und nicht zuletzt durch das vor uns die Brücke passierende Frachtschiff begünstigt: Brücke hoch, Frachter durch, LUCCA hinterher und kurze Zeit später machte die Hanse samt Crew nach 35 sm in Göteborg fest. Eine kleine Begrüßung von bekannten Gesichtern, die uns in Vänersborg verlassen hatten und ein fantastisches Abendbrot mit Elchfilet krönten den verregneten Tag. Großstadtgetümmel wir kommen! Und werden berichten.

Handbreit.

Paula

Der historische Kanal aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts…offensichtlich heute nicht mehr in Betrieb.

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Das durchnummerierte Fahrwasser des Trollhättekanals. Obacht vor den meterlangen Auslegern.

Sag mir wo die Fische sind…wo sind sie geblieben

Rute raus, der Spaß beginnt. Oder auch nicht.

Vänernsee/Vänersborg. Und das diesjährige Ehrenabzeichen in Gold im Sich-geduldig-zeigen geht an…die Besatzung der LUCCA. Es ist zum Mäusemelken, wobei das sicherlich noch erfolgsversprechender wäre. Da halten wir Stunde um Stunde die Rute ins Wasser, spinnfischen mit fast allem, was der Angelkoffer so her gibt und es passiert rein gar nichts. Selbst den Garantie-Köder und den Fishfinder haben Marco und Paula zum Einsatz gebracht, jegliche Fahrt aus dem Schiff genommen, um vom Schleppangeln auf‘s Spinnangeln zu wechseln. Alles vergebens. Das Spannendste war eigentlich nur das Display des Fishfinders zu beobachten und mit hochgezogenen Schultern, Fragezeichen über unseren Köpfen und einem Seufzer nach dem anderen über das riesengroße Fischaufkommen viele Meter unter dem Kiel von LUCCA zu staunen. Wir haben wirklich alles in unserer Petrijüngermacht stehende getan, vergebens.

Alles voll…nur der Haken bleibt leer.

Langsam kommen Zweifel an den Fertigkeiten der Angler auf…

Nun geht die Angelei auf LUCCA wohl oder übel bald dem Ende zu, denn wir verlassen den Vänernsee und nehmen Kurs auf den Trollhättekanal. Und da die Fische uns warten lassen, lassen wir den Kanal auch noch einen Tag warten. Nicht aus Trotz, sondern auf Grund der zünftigen Bordparty am Vorabend. Bis 4 Uhr in der Früh zeigte sich zumindest Youtube von seiner besten Seite und hielt von Marianne Rosenberg über Udo bis hin zu Jan Delay, Ton Steine Scherben, Reinhard Mey, Sister Act, Buena Vista Social Club und Frank Sinatra alles bereit. Die Plicht ist von einigen Tanzspuren gezeichnet, der Skipper von mindestens einem Gin-Tonic zu viel.

Zum Wohl!

So oblag die Versorgung heute dem zweiten Crewmitglied: Hafengebühren nachzahlen und im Supermarkt ein wenig Proviant besorgen. Dies wiederum war eine äußerst erfolgreiche Mission, denn endlich haben wir Elch-Fleisch in der Tiefkühlabteilung entdeckt. Wir haben es aber erst einmal günstig angehen lassen und statt eines Bratens zum 40 Euro Kilopreis ein halbes Kilo Hackfleisch für ein Drittel des Preises erstanden. Daraus wurden schmackhafte Köttbullar, also Fleischklopse, in Kombination mit Kartoffeln und einem kleinen Salat. Glücklicherweise haben die zuvor an Bord gewesenen Crewmitglieder ja anständig mit dem Gas gespart, sodass wir jetzt voll aufdrehen können. =) (Falk und Stachel, ich hoffe ihr habt Nachsicht…ein bisschen zumindest.)

Mit frisch geleckten Wunden geht es am morgigen Tag also hoch motiviert in den Trollhättekanal, der uns mit einem Schwung Brücken begrüßen wird, bevor es in die Schleusen geht. Die Schleusen sind wohl von ganz anderem Kaliber als die ‚Wasseraufzüge‘ im Götakanal, deutlich größer in allen Dimensionen, da sie auch für Frachtschiffe ausgelegt sind. Die Funke kommt dann auch wieder einmal zum Einsatz, denn die Brückenöffnungen sollte man sich über UKW erarbeiten. Mit Optimismus auf WLAN in Göteborg verbleiben wir bis dahin mit..

…Handbreit.

Paula

„Im Kanal du müssen sauber sein.“

Tipps, Tricks, kollektive Zechenpreller und die neugewonnene Freiheit.

Götkanal/Sjötorp/Mariestad. Abwärtsschleusen ist einfach, haben sie gesagt; abwärtsschleusen geht problemlos, haben sie gesagt…Ich glaube, geflunkert haben sie gewaltig, denn aufwärts ging es für den ‚Leinenbeleger‘ wesentlich einfacher. Vor allem, wenn man nur 1,60 m Körpergröße hat, zwei Stunden zu wenig Schlaf und vielleicht ein paar Drinks zu viel am Vorabend und als hinteres Boot in der Schleuse liegt. Dann gilt es nämlich, sportlich zwei Meter von der Schleusenmauer zurück aufs Deck zu springen, ohne dabei wie ein koordinationsloser Sack Kartoffeln zu wirken.

Wasser marsch! Da darf das Heck nicht zu weit nach hinten rutschen.

Koordinationslos war auch der Motorsegler, der bei den ersten Abwärtsschleusen noch Teil des Kanal-Konvois war. Die drei Männer hatten den Abend zuvor schon ordentlich getankt (und kein Treibstoff für den Motor) und müssen sicherlich am Morgen gleich nachgelegt haben. Denn die Erzählungen der Schleusen-Kumpanen sowie die An- und Ablegemanöver in späterer Sichtweite sprachen für sich: Vor, zurück, zur Seite ran, quer im Fahrwasser und kurz vor knapp an der Kanalbegrenzung. So wurde der Konvoi vor den Schleusen in Norrkvarn neu eingeteilt, denn die Männer hatten erst einmal Fahrverbot. LUCCA und der belgische ‚Wellentänzer‘ waren zwar auch nicht in Bestform nach der vorangegangenen Bordparty, doch immerhin nüchtern und fit genug für alle Manöver.

Und trotz allem folgendes Szenario: ‚Unsere‘ Schleusen-Gruppe machte gerade Zwangspause an einem Steg um einen vorbeischleusenden Touristendampfer passieren zu lassen. Währenddessen kam einer der beiden Männer des dänisch-schwedischen Bootes zu uns herüber, stellte sich vor Paula, zog langsam seine Sonnenbrille bis auf die Nasenspitze und blickte ihr tief in die Augen: „Im Kanal du müssen sauber sein“, kam in gebrochenem Deutsch der weise Rat. Jaja, wir lernen alle dazu. =) So haben diese beiden Brüder beispielsweise das erste Mal vor wenigen Tagen gelernt, wie so eine Waschmaschine funktioniert. Und die beiden haben sicherlich die 70 Lenze überschritten.

Später hieß es noch einmal Kuschelkurs auf der Konvoifahrt, denn wir zwölf verbleibenden Schiffe mussten uns für eine halbe Stunde im Dreier- und Vierer-Päckchen vergnügen und Platz machen für die JUNO. Aber gut, die alte Dame hat natürlich Vorrang, denn schließlich befährt sie den Kanal schon einige Jahre länger als wir Sportboote. 1874er Baujahr, einst schwarz lackiert und mit Dampf betrieben, ist dies wohl eines der dienstältesten Passagierschiffe seiner Art weltweit. Die Wartezeit wurde mit Gitarrenmusik von der schwedischen ‚Pacemaker‘, Kaffee mit Eierlikör bei den Skippern von LUCCA und der deutschen ‚Seven Eleven‘ und mit Plausch, Austausch und in die Sonnegucken überbrückt.

Heute wird An- und Ablegen in allen Varianten trainiert. Zur Not auch im Päckchen.

Tradition und Moderne auf 31,45 m Länge vereint: der Passagierdampfer JUNO.

Bewerkstelligt haben wir den letzten Kanaltag mit 19 Schleusen bergab und sage und schreibe 10 sm Strecke. Unser Versuch, wenigstens noch den letzten kostenfreien Kanalhafen mitzunehmen, schlug fehl und wir machten im Gasthafen von Sjötorp fest. Eigentlich ein kostenpflichtiger Hafen, der nicht mehr von der Kanalgesellschaft bedient wird, doch das ignorierte der gesamte Konvoi mal sportlich. Einerseits aus Trotz und andererseits weil die ‚Abgabeentrichtungsstelle‘ im Café Balzar nach 18 Uhr geschlossen war (welch Überraschung). Vor 11 Uhr am Folgetag machte diese auch nicht auf und viele Boote legten entsprechend kurz vorher ab. Aus mysteriösen Gründen kursierten noch immer zwei Servicekarten unter den Booten, auch wenn alle diese (eigentlich) an der letzten Schleuse abgegeben haben. Jaja, so ein kleines Plastikkärtchen kann auf einer solch hektischen Fünf-Tages-Fahrt schnell mal verloren gehen… =) Und so wurde eine Karte von jedem ablegenden Boot an das nächste übergeben, zum Schluss war LUCCA in Besitz dieser und nutzte noch einmal das komplette Programm an Serviceeinrichtungen: Ausgiebig duschen, zwei Maschinen Wäsche, Strom und Wasser sowieso. Als dann auch das letzte Konvoi-Boot den Hafen von Sjötorp verließ, entschied sich auch LUCCA noch einige Seemeilen zu fahren. Mariestad liegt knapp 10 sm südlich und ist mit 25.000 Einwohnern deutlich größer als das beschauliche Sjötorp, dessen Zentrum aus den Schleusen, einer Eis- und einer Fischbude, einem Kiosk, einer Zapfsäule für Diesel und Benzin und einem Dorffriseur besteht. So tuckerten wir mit gemächlichen zwei Knoten Schleppangelgeschwindigkeit über den Vänernsee. Doch der erhoffte Fang blieb erneut aus.

Dies machte aber nichts, denn in Mariestad haben wir wieder eine intakte Infrastruktur angetroffen, deren Öffnungszeiten nicht dem des Sandmännchens entsprechen: eine belebte Hafenpromenade mit Menschen, Kneipen, Imbissbuden, Schiffsausrüster und dem ersten Frischgezapften seit der Schleusentreppe von Berg. Und WLAN! So schauten wir nach Drinks und einem erneuten missglückten Versuch, ‚Kräftor‘ ohne Sauerei zu verspeisen, erst einmal, was so in der Heimat los ist. Wer auch immer in Damgarten die Boote losmacht, dem gehören die Pfoten abgehackt. Aufregung über Feuerwerk und hohe Azubi-Durchfallquote in den Boddenkliniken… Alles klar, wir sind im Bilde.

Unsere nun wieder gewonnene zeitliche Unabhängigkeit genossen wir also in vollen Zügen; frühstücken in aller Ruhe und ein überschaubarer Tagesplan. Das erste Mal seit Estland wurde Alkohol für die Proviantkisten erworben und die Besatzung machte sich auf zum ‚Systembolaget‘. Für den Skipper Marco gab es eine Falsche Gin und für Smutje/Schleusenhelfer/Festmacher Paula eine Stiege Büchsenbier. =) Mit den Preisen kann man notgedrungener Weise um, 20 Euro der Gin und 0,90 Eurocent die 0,33er Dose Tuborg; das einheimische Mariestads Export ist mit 1,20 Euro dabei. Den großen Fang landeten wir heute mal im Supermarkt: Thunfisch, Lachs aus dem Vänernsee und Dorsch landen heute fertig filetiert auf dem Grill, während 100 m weiter die Blues-Band beim Soundcheck ist. So werden wir uns wohl heute noch landfein machen und ein wenig Kultur genießen.

Handbreit.

Paula

Durchgeschleust im Eiltempo

Ab jetzt geht’s nur noch bergab.

Götakanal. Erholung, Urlaub und Freizeitvergnügen? Nicht in der Nebensaison im Götakanal. Straff nach Zeitplan werden LUCCA und ein gutes Dutzend anderer Boote Tag für Tag durch den Kanal getrieben, als würde in fünf Tagen das Wasser abgelassen werden. Zwar hat so eine Konvoifahrt auch viele Vorteile, darunter die nette Gesellschaft anderer Segler und das gute Gefühl, nie alleine zu schleusen. Doch die Nachteile liegen auch auf der Hand: 7 Uhr aufstehen, 18 Uhr ankommen und zwischendurch an allen Sehenswürdigkeiten vorbeirauschen. Kanalmuseum, kostenfrei für Kanalfahrer zu besuchen: fällt aus. Proviant nachbunkern: mangelhaft, da nur wenige Stunden Landgang auf einem Sonntagnachmittag. Frischgezapftes nach dem Festmachen: Fehlanzeige, da viele Kneipen ab 18Uhr die Stühle hochstellen oder einfach mal keine vorhanden sind (keine Kneipen, nicht keine Stühle). Anlegeplatz finden: erblindend, da immer die restliche Sonne des Tages voll gegenan steht. Blog aktualisieren: fast unmöglich, da kein WLAN. Doch das hatten Inge & Udo uns schon prophezeit, sodass Marco’s Handy als kleiner Hotspot dienen muss. Angeln: ebenso Fehlanzeige, da wir den Hecht-reichen Vetternsee gestern bei fünf bis sechs Beaufort mit unschöner Welle und im Eiltempo haben überfahren müssen. Nur beim Schleusen selbst braucht nach wie vor keine Hektik aufzukommen. Doch auf 91 m Höhe ü.M. haben wir vor einigen Stunden die letzte Aufwärts-Schleuse bewerkstelligt, ab jetzt geht es sozusagen nur noch bergab. Neues Manöver mit neuer Anspannung, doch auch hier wird sich die Routine schnell einschleichen und wir werden uns sicherlich gut mit dem Abwärtsschleusen einfuchsen. Nur eine Konstante bleibt: Freundliche, nette und in 99% kommunikative Schleusenwärter/innen und eine ansehnliche Landschaft.

Groß oder Klein: Hier müssen wir alle durch.

Mittlerweile haben wir jedoch festgestellt, dass unser anfänglicher Denkfehler (‚Vor der Nebensaison im Kanal garantiert individuelles Reisen.‘) auch andere Boote betrifft. Das relativiert die Gedanken-Schmach ungemein. Relativ ist auch nach wie vor das Petrijüngerglück. Zwar biss vor wenigen Tagen ein erster Hecht an, doch weit unter Maß, was der kleine Kerl sicherlich wusste und entsprechend von alleine wieder vom Haken gesprungen ist. Nun ja, im Vänernsee ist die Konvoifahrt beendet und wir können uns ein paar Tage Zeit nehmen für individuelle Freizeitgestaltung. Der sich westlich anschließende Trollhättekanal kann dann, nach unserem aktuellen Wissensstand, wieder unabhängig befahren werden, sodass LUCCA inklusive Besatzung auch etwas mehr als nur eine Nacht am selben Liegeplatz verweilen kann. Apropos: Wir wechseln hier unsere Tageskleidung öfter als den Liegeplatz. Von Badehose bis Ölzeug ist alles dabei, mitunter im Stundentakt. Das übt ungemein im schnellen Klamottenwechseln; besser als bei jeder Modenschau.

Die berühmte Schleusentreppe von Berg; der Name ist Programm. Sieben Schleusen am Stück.

In Töresbode, dem letzten Kanalhafen vor dem Abwärtsschleusen und dem letzten Abend des offiziellen Götakanals, angekommen, verteilte sich die Konvoiflotte großzügig entlang des Steges und sportlich wurde die Elektrik über Verteiler und Stecker auch bis zum letzten Liegeplatz hin verkabelt. Den Herzinfarkt von Falk mag man sich kaum vorstellen. Doch solange nicht alle den Wasserkocher und das Induktionskochfeld mit einmal laufen lassen, sollten die Sicherungen den Bedürfnissen der Bootsfahrer standhalten. Der Konvoi hat sich in seiner Zusammensetzung etwas verändert, doch das nette belgische Paar der Hanse 291 ist seit Mem/Sjöderköping mit dabei. Und wie es unter boots-ähnlichen Skippern samt Crew so ist, wurde begutachtet, verglichen und ausgetauscht. Nach wir vor erstaunlich, wie fast baugleiche Schiffe so unterschiedlich ausgebaut sind. Dies wurde natürlich bei einer kleinen Bordparty erst auf LUCCA dann auf ‚Wellentänzer‘ ausführlich unter die Lupe genommen. Doch eins eint beide Schiffe: Weißwein und Bier sind ausreichend vorhanden. =) Aber so langsam müssen auch wir die Stauräume mittschiffs wieder auffüllen. Ein Besuch im ‚Systembolaget‘ (dem schwedischen Monopol-Schnapsladen) wird nicht mehr lange auf sich warten lassen (müssen). Und da uns gesagt wurde, abwärtsschleusen sei nicht annährend so ‚schwierig‘ wie aufwärtsschleusen, gönnen wir uns eine kleine Bordparty. Kaum vorstellbar die vergangenen Tage, an denen um 22 Uhr schon die Kojen angewärmt waren. Doch einen Abend müssen wir unserem Naturell entsprechen. Erwähnenswert ist außerdem die Tatsache, dass gestern beide LUCCA-Besatzungsmitglieder baden waren. Nicht etwa des Schwimmens wegen, sondern um den neuerworbenen Angelköder zweimal vom Grund zu lösen. Denn noch immer hat das Gewässer mehr Punkte auf dem Konto als die Angler an Bord. Doch der Punktestand wird sich im Vänernsee ändern, vorher kommen wir nicht nach Hause. Und für das Abendbrot war ein Bio-Hühnchen auf dem Grill mehr als zufriedenstellend. So verbleiben wir mit…

….Handbreit.

Paula

Im Gänsemarsch durch den Götakanal.